Der Ingenieur, der nach den Sternen greift

  Porträtaufnahme von Thomas Reiter Urheberrecht: Jürgen Mai

Thomas Reiter wird mit dem Aachener Ingenieurpreis geehrt. Kein europäischer Astronaut war länger im All. Ein Porträt.

Es war der 20. Oktober 1995, als Thomas Arthur Reiter eine Tür öffnete und Geschichte schrieb. Er verließ als erster deutscher Astronaut eine Raumstation – die Mir – und bewegte sich fünf Stunden durch den Orbit. Reiter ist sogar der einzige Europäer, der überhaupt an zwei Langzeitmissionen teilnahm. 350 Tage verbrachte er insgesamt auf den Raumstationen Mir und ISS. Kein Zweiter hat so viel Erfahrung im All.

„Thomas Reiter symbolisiert wie kaum ein anderer deutscher Ingenieur den Aufbruch in neue ferne Welten, das Abenteuer Forschung!“, sagt Professor Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen. Am Freitag, 9. September 2016, wird Reiter in einem Festakt von RWTH und Stadt Aachen im dortigen Rathaus mit dem Aachener Ingenieurpreis ausgezeichnet. Am Samstag, 10. September 2016, wird er dann die Keynote Speech beim Graduiertenfest der Hochschule halten – vor rund 5.000 Teilnehmern.

Mit dem Aachener Ingenieurpreis werden – mit freundlicher Unterstützung der Sparkasse Aachen als Hauptsponsor und des Vereins Deutscher Ingenieure VDI als Preisstifter – Menschen ausgezeichnet, die mit ihrem Schaffen einen maßgeblichen Beitrag zur positiven Wahrnehmung oder Weiterentwicklung des Ingenieurwesens geleistet haben. Und nicht zuletzt Ingenieure, die die nachwachsende Generation inspirieren, so wie dies die beiden bisherigen Preisträger Professor Berthold Leibinger, Gesellschafter der TRUMPF GmbH + Co. KG, und Professor Franz Pischinger, Gründer der Aachener FEV Motorentechnik GmbH, machen. „Die Stadt Aachen und die RWTH Aachen haben mit dem Ingenieurpreis eine vielversprechende und wichtige Initiative gestartet. Es geht einerseits natürlich um ingenieurwissenschaftliche Impulse für Technik und Wirtschaft, aber es geht andererseits auch um die Persönlichkeit des Preisträgers und sein Wirken für unsere Gesellschaft. Wenn Ingenieure die Welt bewegen – und davon gehen wir in Aachen selbstverständlich aus –, dann ist die Auszeichnung des Astronauten und Ingenieurs Thomas Reiter sicherlich ein Volltreffer“, erklärt Oberbürgermeister Marcel Philipp.

  Mann arbeitet in einem Raumfahrzeug Urheberrecht: NASA

Ein besonderer Ingenieur

Reiter ist in jedem Fall ein besonderer Ingenieur. Die Geschichten seiner Missionen sind fesselnd. „Die Eindrücke sind so überwältigend, dass sie einen ein Leben lang begleiten“, erzählt Reiter bei einer Begegnung in Darmstadt. Er berichtet von dem zarten Blau der Atmosphäre, den Sonnenauf- und Untergängen, stundenlang kann er dies tun. „Unser Planet sieht von oben unglaublich schön aus. Ich möchte keine Sekunde missen.“

Reiter sagt, es sei immer sein Ziel gewesen und immer noch ein wichtiges Ansinnen, bei jungen Menschen Begeisterung für den Ingenieursberuf zu wecken. „Ich spüre immer noch die gleiche Begeisterung, wie am allerersten Tag“, sagt er. Und gleichermaßen vermittelt er diese gerne.

Schon als kleiner Junge wollte Thomas Reiter Astronaut werden. Natürlich. Welcher kleine Junge will das nicht? Während so ein Traum in der Regel von der Realität und einem bodenständigen Leben als Steuerberater, Schreiner oder Elektrotechniker abgelöst wird, hielt der gebürtige Frankfurter an ihm fest. Der begeisterte Segelflieger – nahezu jedes Wochenende verbrachte er mit seinen Eltern auf dem Flugplatz im hessischen Egelsbach – wurde zunächst Berufssoldat bei der Luftwaffe. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München. 1982 machte er seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur. Er zog weiter in die USA und absolvierte an der Sheppard Airforce Base in Texas die Ausbildung zum Jet-Piloten.

Und dann? Dann kam das Jahr 1989, und die ESA suchte Piloten und Wissenschaftler für eine Astronauten-Gruppe. Reiter bewarb sich. Er wurde genommen, als einer von sechs Glücklichen – unter 22.000 Kandidaten. Planbar ist so eine Laufbahn nicht. Natürlich nicht. „Aber ich will Mut machen, Visionen und Träume zu verfolgen. Da bin ich gerne Vorbild“, sagt Reiter.

  Mann arbeitet in einem Raumfahrzeug Urheberrecht: NASA

Der achte Deutsche im All

Am 3. September 1995 lief im Kosmodron von Baikonur in Kasachstan erstmals für Reiter der Countdown – für die Mission Euromir 95. An Bord der Sojus TM-22 brach Bordingenieur Reiter zum ersten Langzeitflug der European Space Agency, ESA, zur Raumstation Mir auf. Er war der achte Deutsche im All. Reiter meisterte auf der Mir als erster Europäer einen Außenbordeinsatz. Am Ende der Mission verantwortete er 41 wissenschaftliche Experimente. Nach 179 Tagen kehrte er zurück, als erster Nicht-Russe war er dafür ausgebildet worden, die Sojus bei der Rückkehr zu steuern.

Am 4. Juli 2006 war er – nach einem Intermezzo als Kommandeur des Tornado-Jagdbombergeschwaders in Jever – an Bord der Raumfähre Discovery, die vom Kennedy Space Center in Florida abhob. Die Mission Astrolab führte den Space-Shuttle-Flug STS-121 zur internationalen Raumstation ISS. Reiter verantwortete dort unter anderem die Navigation – als erster Europäer. Zig Experimente führte er aus, 171 Tage war er diesmal unterwegs.

Er mag im Oktober 2007 den Astronauten-Dienst quittiert haben und seitdem mit beiden Beinen wieder fest auf dem Boden stehen. Ein maßgeblicher Treiber der europäischen Raumfahrt ist er geblieben. Er war im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, tätig, später dann Direktor für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb bei der ESA in Darmstadt. Seit Anfang 2016 ist er dort Koordinator im ISS-Programm und Berater des Generaldirektors.

„Ich würde natürlich sofort wieder ins All aufbrechen, aber alles hat seine Zeit“, erklärt Reiter. Eine neue Generation ist vorgerückt, Alexander Gerst beispielsweise, der für seine zweite Mission nominiert wurde. Dass er nicht ewig der Europäer sein werde, der die meiste Zeit im Weltall verbracht hat, Reiter sieht es wie ein Sportler. Rekorde seien dazu da, gebrochen zu werden. Und Geschichte werde bestimmt auch wieder geschrieben. „Ich würde gerne erleben, wie ein Europäer zum Mond fliegt und diesen betritt“, sagt er.

Wissenschaft, Forschung, Erkenntnis – keine Folklore

Reiter, verheiratet, zwei Söhne, geht es dabei um Wissenschaft, Forschung und Erkenntnis. Raumfahrt dürfe nicht als Folklore verstanden werden, auch wenn am Ende von aktuellen Missionen Videos musizierender Astronauten bei YouTube öffentliche Aufmerksamkeit finden. „Die Hauptaufgabe an Bord ist die Wissenschaft – zum Nutzen aller Menschen“, sagt Reiter, diese dürfe nicht in den Hintergrund rücken.

Wichtig ist ihm das internationale Miteinander. Während seiner Zeit auf der Mir herrschte Krieg auf dem Balkan. Ganz Europa leuchtete in der Nacht, nur der Balkan blieb schwarz. Während der ISS-Mission erfuhr Reiter, dass seine Bundeswehrkameraden in Afghanistan beschossen wurden. So schön die Welt von oben aussah, so grausam blieb sie. „Vielleicht sollten mehr Menschen die Erde aus der Perspektive des Astronauten sehen“, sagt er und betont das Gemeinschaftsgefühl der Raumfahrer: „Im Weltall ist kein Platz für Einzelkämpfer, da muss man sich immer aufeinander verlassen können.“ Ein wichtiger Gedanke, den er jungen Menschen mit auf den Weg geben will – wenn er mit dem Aachener Ingenieurpreis ausgezeichnet wird.

Redaktion: Presse und Kommunikation