Jayant Baliga

 
Aufenthalt an der RWTH Aachen 2013: Gastprofessur im Programm ERS International
Informationen über unseren Alumnus Professor Dr. Jayant Baliga ist ein international anerkannter Forscher und Experte auf dem Gebiet der leistungselektronischen Bauelemente. Bekannt wurde er durch die Erfindung, Entwicklung und Vermarktung des Bipolartransistors mit isolierter Gate-Elektrode, kurz IGBT, der als die bedeutendste Neuerung im Bereich der Energieverteilung der letzten 30 Jahre gilt. Neben zahlreichen anderen wissenschaftlichen Ehrungen und Preisen erhielt Prof. Baliga 2011 von Präsident Obama die National Medal of Technology and Innovation, die höchste Auszeichnung für wissenschaftliche und technologische Leistungen, die in den USA verliehen wird. Ebenso wurde Baliga mit dem 2012 North Carolina Award for Science ausgezeichnet. Baliga schloss 1969 sein Bachelorstudium der Elektrotechnik am Indian Institute of Technology, Madras, ab; 1971 und 1974 folgten der M.Sc. sowie die Promotion am Rensselaer Polytechnic Institute, New York. Seit 1988 arbeitet Baliga als Distinguished University Professor am Department of Electrical and Computer Engineering der North Carolina State University, USA. Jayant Baliga wurde Anfang 2014 mit dem höchsten IEEE Award, „der IEEE Medal of Honor“ für seine Forschung ausgezeichnet. Im August 2014 wird ihm der Preis in Amsterdam übergeben.

 

Interview mit Jayant Baliga

Urheberrecht: Martin Lux RWTH-Rektor Professor Ernst Schmachtenberg und Professor Rik W. De Doncker vom E.ON ERC überreichen Professor Baliga (links) die Theodore-von-Kármán-Fellowship-Urkunde.

Professor Baliga, Sie sind ein international anerkannter Forscher und Experte im Bereich der Leistungselektronik sowie der Erfinder des Bipolartransistors mit isolierter Gate-Elektrode, des heute am häufigsten verwendeten Leistungstransistors. Könnten Sie Ihr Forschungsfeld kurz skizzieren?

In meiner Forschung beschäftige ich mich hauptsächlich mit der Entwicklung hocheffizienter leistungselektronischer Bauelemente im Dienste des Energiemanagements und der Energiebereitstellung. Der IGBT ist in allen Wirtschaftsbereichen und für den Verbraucher von Nutzen: zuhause wird er in Waschmaschinen, Kühlschränken und Klimaanlagen eingesetzt, in Fabriken beispielsweise in Robotern. Ebenso finden Sie ihn in Elektroautos und in elektrischen Zügen.

Die Technologie ist auch bedeutsam für die zukünftigen erneuerbaren Energien. Sie macht es möglich, von der Nutzung fossiler Brennstoffe wegzukommen und diese durch Windkraft- und Solarenergie zu ersetzen. Um Energie in der Form bereitstellen zu können, in der wir sie heute benötigen, braucht man die Leistungselektronik.

Im bin glücklich, diese Erfindung gemacht zu haben. Von meinen über 100 Patenten ist der IGBT die wichtigste Erfindung, ich habe ihn in den frühen Achtzigerjahren entwickelt. Ich kann mich glücklich schätzen, dass seine Bedeutung von meinem damaligen Arbeitgeber General Electric sofort erkannt wurde, denn so konnte ich die Erfindung erfolgreich vermarkten.

Trotz Ihres dicht gedrängten Terminkalenders haben Sie die Zeit gefunden, um für zwei Monate nach Aachen zu kommen. Was hat zur Kooperation mit der RWTH Aachen sowie zu Ihrem Forschungsaufenthalt am E.ON Energy Research Center geführt?

An der North Carolina State University haben wir 2008 im Rahmen des so genannten FREEDM Systems Center ein großes Programm zu Microgrids und intelligenten Netzwerken aufgelegt. Dort arbeiten wir an der Entwicklung von Technologien, wie sie auch hier in Aachen am E.ON ERC erforscht werden. Vor Beginn des Programms mussten wir einen sehr wettbewerbsfähigen Antrag bei der National Science Foundation (NSF) stellen.

Aus den 120 Anträgen wurden dann drei Universitätsteams ausgewählt, und wir waren dabei. Natürlich waren wir sehr stolz, den Wettbewerb als federführende Universität zu gewinnen! Nun arbeiten wir mit vier US-Hochschulen zusammen, und da uns die NSF dazu aufgefordert hat, auch internationale Hochschulen mit ins Boot zu holen, haben wir uns für das Institut von Professor De Doncker entschieden – er ist renommiert und gilt als Kapazität in den Bereichen der Leistungselektronik und der erneuerbaren Energien.

Unsere Universitäten arbeiten also seit 2008 zusammen. Und als dann vor zwei Jahren einer meiner Doktoranden von einem zweimonatigen Forschungsaufenthalt an der RWTH zurückkam und mir davon erzählte, wie gut es ihm in Aachen gefallen hat, habe ich mir gedacht, vielleicht sollte ich auch einmal für eine Weile nach Aachen gehen! Glücklicherweise hat es dann auch geklappt, den Aufenthalt mit Professor De Doncker zu arrangieren.

Was ist das Ziel der Forschungskooperation?

Wir arbeiten in erster Linie zusammen, um Wissen und Informationen auszutauschen, aber auch, um unsere Studierenden gemeinsam auszubilden. NC State University schickt Studierende nach Aachen, die RWTH schickt Studierende zu uns – das ist gewinnbringend für beide Einrichtungen. Aber manchmal nehmen auch Professoren am Austausch teil, so wie ich.

Wenn Sie auf Ihren Aufenthalt an der RWTH Aachen zurückblicken, welche Erfahrung war für Sie die lohnendste?

Zunächst einmal war ich überrascht und beeindruckt von der Breite, Größenordnung, und Vielfältigkeit der hier durchgeführten Forschungsprogramme. Ich habe an einer Besprechung des wissenschaftlichen Beirats des E.ON ERC teilgenommen, bei der die Forscherinnen und Forscher der verschiedenen Institute und Forschungsgebiete zusammentrafen und ihre Aktivitäten präsentierten. Es war beeindruckend zu sehen, wie gut all diese Aktivitäten koordiniert sind. Was mich ebenso beeindruckt hat war das große Interesse, das die Studierenden hier dem Gebiet der Leistungselektronik entgegenbringen! An meiner Heimatuniversität sitzen etwa 15 Studierende in meinem Seminar, hier an der RWTH aber waren es 45! Das ist schon ein bedeutender Unterschied.

Sie kommen aus Indien und haben am Institute of Technology in Madras ihr Studium der Elektrotechnik mit dem B.Tech. abgeschlossen. Anschließend sind Sie in die USA gegangen, um Ihren Master zu machen, und seitdem leben und arbeiten Sie dort. Warum sind Sie damals in die USA gegangen?

Ich bin direkt nach meinem ersten Universitätsabschluss in die USA gegangen, damals war ich erst einundzwanzig. Ich kann mich erinnern, in meiner Bewerbung geschrieben zu haben, dass meine Motivation darin liege, einen bedeutenden Beitrag für die Gesellschaft leisten zu wollen, also etwas zu tun, dass der Gesellschaft weiterhilft. Man mag nun denken, dass es ziemlich naiv und idealistisch klingt, wenn ein so junger Mensch so etwas sagt, aber ich habe dieses Ziel ja tatsächlich erreicht – so naiv war es also nicht! Das stand tatsächlich immer im Vordergrund meines Interesses: nicht einfach etwas Neues zu kreieren, sondern etwas zu schaffen, das den Menschen auch etwas bringt und das sie in Ihrem Alltag nutzen.

Wenn Sie an Ihre Zeit und Erfahrungen als junger Student und Forscher in den USA zurückdenken: wie haben Sie es erlebt, in einem fremden, für Sie neuen Land zu leben und zu studieren?

Ein Problem stellt sich jedem, der sich in einem neuen Land zurechtfinden muss: man muss verstehen, wie die Menschen denken. Wir sind in Indien – zumindest damals – dazu erzogen worden, bescheiden und demütig zu sein. Wir haben gelernt, über unsere Erfolge und Leistungen nicht viele Worte zu verlieren. Als ich in die USA gegangen bin, habe ich begreifen müssen, dass ich meine Haltung ändern muss, wenn ich dort Erfolg haben möchte, denn die Vereinigten Staaten haben eine Kultur, in der man seine Ideen, seine Arbeit, und sich selbst unerlässlich verkaufen muss. Ich musste erst einmal einige der Grundsätze überwinden, mit denen ich groß geworden bin, das war natürlich nicht leicht.

Gibt es Ihrer Meinung etwas, das man an deutschen Universitäten von Hochschulen in den USA lernen kann und umgekehrt?

Deutschlands Bekenntnis zu erneuerbaren Energien erstaunt und beeindruckt mich ungemein, das gibt es in den USA in dieser Form nicht. Wir müssen darum kämpfen, überhaupt etwas an Unterstützung für die Nutzbarmachung erneuerbarer Energien zu bekommen, und die alten Industrien werfen uns ein um das andere Mal zurück. Wenn ich durch Deutschland fahre, sehe ich, wie sehr das Land in Windkraft und Solaranlagen investiert, und ebenso sehe ich, welche Förderung die Hochschulen und Unternehmen erhalten – dass das hier so gemacht wird, beeindruckt mich sehr.

Vor kurzem, im Oktober 2011, haben Sie die National Medal of Technology and Innovation für Ihr Lebenswerk erhalten, insbesondere für die Entwicklung und Vermarktung des IGBT. Es ist die höchste Auszeichnung, die in den Vereinigten Staaten an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Ingenieurinnen und Ingenieure verliehen wird. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Diese Auszeichnung bedeutet mir sehr viel, in zweierlei Hinsicht: Als ich meine Ideen zum IGBT präsentierte, haben mir viele Leute zu verstehen gegeben, dass das nicht funktionieren werde, dass das Konzept allerlei Schwachstellen habe. Ich habe dann vier bis fünf Jahre bei General Electric damit verbracht, den IGBT zu entwickeln.

Als ich mit Jack Welch [dem damaligen Chef von GE] gesprochen habe, sagte er mir: „Diese Entwicklung ist äußerst wichtig für GE – wir wollen nicht, dass unsere Konkurrenz dieses Bauteil in die Finger bekommt, um damit dann dieselben Produkte auf den Markt zu bringen.“ Aus diesem Grund musste ich meine Erfindung und Weiterentwicklung des IGBT für einige Jahre unter Verschluss halten. Als es dann schließlich auf den Markt kam, haben viele Leute behauptet, sie hätten diese Idee bereits vor mir gehabt. Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich war, als der Präsident mir die Medaille überreichte, die ganz offiziell besagt: es war Baliga, der den IGBT erfunden hat!

Der andere Grund, warum mir die Auszeichnung so viel bedeutet, ist folgender: stellen Sie sich einmal vor, ich komme als Einwanderer aus Indien in die USA, und eines Tages stehe ich im Weißen Haus und werde vom Präsidenten geehrt – das ist doch unglaublich! Ich habe jedes Mal Tränen in den Augen, wenn ich darüber nachdenke. Ich war so froh, als es passierte. Denn das Schöne an diesem Preis ist, dass er vom Präsidenten persönlich verliehen wird – in einer feierliche Zeremonie im Weißen Haus hängt er dir die Medaille in um den Hals. Danach wussten die Menschen in Indien, dass ich wohl wichtige Arbeit geleistet haben muss (lacht)! Ein indisches Magazin druckte einen Beitrag über „Die wichtigsten Denker aus Indien seit 1975“, und ich war dabei. Das ist sehr befriedigend!