Wieslaw Woszczyk

  Michael Vorländer (links) und Wieslaw Woszczyk Urheberrecht: Christin Wannagat  

Aufenthalte an der RWTH Aachen

Gastprofessor und Kármán-Fellow im Programm ERS International, 1. bis 17. April 2014
Informationen über unseren Alumnus

Wieslaw Woszczyk ist ein international anerkannter Akustikforscher, Universitätslehrer und Experte für neuartige Entwicklungen und Trends im Bereich der Audiotechnologie. Er hat die James McGill Professur für Sound Recording an der McGill University inne, ist Initiator und Leiter des Graduiertenprogramms „Sound Recording“ und Direktor des CIRMMT Centre for Interdisciplinary Research in Music Media and Technology, einem interdisziplinären Forschungszentrum an der McGill University in Montreal, Kanada. Von 2007 bis 2008 war Woszczyk Präsident der Audio Engineering Society, von 1996 bis 2006 war er Sprecher des Technischen Beirats.

Zurzeit arbeitet Woszczyk an der Entwicklung des „Space Builders“, einem Werkzeug für das Design von Klangräumen, sowie an anderen Technologien im Bereich der virtuellen Akustik, die sich unter anderem mit den akustischen Aspekten virtueller Realität beschäftigt. Im April 2014 kam er im Rahmen eines 18-Tätigen Forschungsaufenthalts auf Einladung von Prof. Michael Vorländer ans Institut für Technische Akustik (ITA) nach Aachen. In Zusammenarbeit mit der Musikhochschule Aachen stellte er sein "Virtual Haydn"-Projekt einem breiteren Publikum vor. Für dieses Projekt wurden sieben historische Instrumente aus der Zeit von 1760 bis 1798 originalgetreu nachgebaut und neun virtuelle Räume geschaffen, deren akustische Architektur präzise bestimmten historischen Räumen entspricht, in denen Haydn an seinen Werken gearbeitet und diese aufgeführt haben soll. Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Woszczyk und Vorländer sollen hochwertige akustische Räume geschaffen werden, in denen Musikerinnen und Musiker unter optimale Bedingungen Musik aufführen und aufnehmen können.

 

Es ist eine Ehre für mich, dass man mich für das Kármán Fellowship ausgewählt und mir diese Erfahrung ermöglicht hat. Die Leute vom Exploratory Research Space waren sehr nett und hilfsbereit. Ich möchte mich erneut bei ihnen bedanken!

Es hat mal jemand gesagt, ein gutes Gespräch sei der Anfang von Innovation. In unserer Diskussion haben wir eine gemeinsame Idee entwickelt. Wir erfinden etwas Neues, das nützlich für die Menschen ist.

 

Interview mit Wieslaw Woszczyk und Michael Vorländer

Ihr "Virtual Haydn" stellt uns ganz verschiedene akustische Räume für die Aufführung von Musik vor. Das Ergebnis ist eine CD und eine Blue-Ray mit 14 Stunden Musik.

Wir haben hier an der Musikhochschule in Aachen die virtuellen akustischen Räume des Virtual Haydn-Projekts der Öffentlichkeit vorgestellt – die Aufführung für RWTHextern war Bestandteil meines Forschungsaufenthalts hier in Aachen. Die Basis für dieses Projekt haben wir in unserem neuen Labor in Montreal gelegt. Dort habe ich mit zwei Kollegen der McGill-Universität zusammengearbeitet, dem Musikologen und Pianisten Prof. Tom Beghin – einem wunderbaren Haydn-Interpreten – und der Produzentin Prof. Martha de Francisco.

Was hat zu Ihrem Aufenthalt an der RWTH Aachen geführt?

Das Institut für Technische Akustik unter Leitung von Prof. Michael Vorländer ist bekannt für seine Expertise in der virtuellen Akustik, und dazu gehört die Modellierung von Schallquellen und -räumen. Wir sind in der Lage, virtuelle Räume zu gestalten, also Räume, die wir am Computer "nachbauen" und in die wir architektonische Details einfließen lassen. Die tatsächlichen physikalischen Räume werden mithilfe komplexer Berechnungen modelliert. Auf Grundlage dieser Modelle und unter Nutzung der hiesigen Technologien können wir uns sozusagen multi-modal in diesen Räumen bewegen und sie virtuell erfahren. Wir können also Musik, Geräusche, und die Bewegung des Schalls in diesen Räumen nachempfinden, entweder über Kopfhörer oder über Laufsprechersysteme.

Unsere Forschungsgruppe in Kanada beschäftigt sich nicht mit der Modellierung und Simulation von Räumen, wir vermessen lediglich existierende Räume. Michaels Gruppe jedoch widmet sich der akustischen Modellierung – sie benutzen komplexe architektonische Modelle und sind in der Lage, spezifische räumlich Details in akustische Simulationen einfließen zu lassen. In unserer Zusammenarbeit untersuchen wir, wie gut die Simulationen mit den tatsächlichen Messungen übereinstimmen. Auf der Grundlage des Modells kann man dann Musiker in dem virtuellen Raum spielen lassen und das Klangerlebnis an verschiedenen Stellen des Raums simulieren.

Zuerst steht aber der komplexe und schwierige Prozess der Klangmodellierung und -berechnung. Aber am ITA können sie die Modellierung mithilfe sehr mächtiger Computer und technischer Verfahren in Echtzeit vornehmen. Das ermöglicht es uns, Modellmessungen musikalischer Aufführungen vorzunehmen. Doch an der RWTH, einer technischen Hochschule, fehlt der Bezug zur Musik und zu Musikern, da kommen wir dann ins Spiel, denn das ist bei uns mit unserer Musikschule anders. Da wir so viele Musiker an der Universität haben, schaffen wir es auch, viele von ihnen für die technischen Aspekte zu begeistern.

  Ein Geiger spielt mit einem virtuellen Orchester Urheberrecht: Wieslaw Woszczyk

Ein weiterer Anknüpfungspunkt wäre die Technologie von Kopfhörern – hier interessieren wir uns für das Verhältnis von Klangerfahrung und Kopfbewegungen. Bei einem normalen Kopfhörer ändert sich das Klangerleben nicht, wenn man den Kopf bewegt. Und auch bei uns in Montreal können wir zwar mit unserem „Open Orchestra“-System Musiker mit einem virtuellen Orchester spielen lassen, aber wir können den Musiker im virtuellen Raum nicht bewegen und so seine Klangwahrnehmung verändern. Das System im ITA ist aber in der Lage, die Klangerfahrung an die räumlichen Position des Musikers anzupassen. Das ermöglicht natürlich ein realistischeres Klangerlebnis und somit einen optimierten Einsatz der Instrumente. Das ist ein Gebiet, auf dem ich mir eine weitere Zusammenarbeit gut vorstellen könnte.

Natürlich könnten wir ähnliche Technologien wie die des ITA einsetzen oder VR-Umgebungen wie die CAVE, um ein Orchester oder eine Jazzband mit den oben genannten Möglichkeiten zu simulieren. Die CAVE der RWTH Aachen ist eine Art großer Würfel, ein Raum, in dem man mithilfe von 3D-Technologien ein Orchester optisch simulieren kann. Es ist eine tolle Vorstellung, in der CAVE Bilder und Ton, sagen wir mal ein Orchester und klassische Musik, genauestens aufeinander abgestimmt präsentieren zu können: Dein visuelles und klangliches Erleben ändert sich, wenn Du Dich in der Cave bewegst oder nur den Kopf drehst. Das zu versuchen, wäre höchst reizvoll.

Wenn Sie auf Ihren Aufenthalt an der RWTH Aachen zurückblicken, welche Erfahrung war für Sie die lohnendste?

Ich schwebe immer noch ein wenig nach all meinen Erlebnissen, die auf mich eingestürmt sind wie Wellen, die auf ein Boot zurollen! Es war wunderbar. Am meisten Spaß hatte ich am ersten Tag, als ich mir die CAVE angesehen habe, die Frank Wefers and Torsten Kuhlen für mich vorbereitet hatten. Die Videoprojektion wurde in 3D eingespielt – Du bewegst Dich in virtuellen Welten, die Dich komplett vereinnahmen. Es ist unglaublich! Es war auch hoch spannend, mit allen Beteiligten zu sprechen, zum Beispiel im Kolloquium mit Michael Vorländer und seinen Studierenden. Sie machen eine tolle Arbeit und entwickeln spannende Dinge hier in Aachen.

Auf Vorschlag von Michael Vorländer haben wir zunächst an einem Symposium in Berlin teilgenommen, das Michael beim Musikinstrumenten-Museum in Berlin organisiert hat. Hier konnten wir uns historische Instrumente anschauen, unter anderem welche von Haydn. Viele Studierende haben ihre Forschungsarbeit vorgestellt, und Michaels Doktoranden habe in einem der Hörsäle 16 bis 25 Lautsprecher aufgestellt, um dort 3D-Sound vorführen zu können.

Es ist eine Ehre für mich, dass man mich für das Kármán Fellowship ausgewählt und mir diese Erfahrung ermöglicht hat. Die Leute vom Exploratory Research Space waren sehr nett und hilfsbereit. Ich möchte mich erneut bei ihnen bedanken!

Prof. Wieslaw Woszczyk

Herr Vorländer, wie kam es dazu, dass Sie Professor Woszczyk als Kármán-Fellow vorgeschlagen und nach Aachen eingeladen haben?

Wieslaw und ich haben uns vor etwa einem Jahr in Stanford getroffen, während meines Forschungsfreisemesters. Wir haben uns beim Mittagessen über virtuelle Akustik und ihre Umsetzung in verschiedenen Szenarien der Sprach- und Musikwahrnehmung gesprochen. Es gab zu dieser Zeit einen aktuellen Aufruf für Kármán-Fellowships, der ideal zu unserer Absicht passte, unsere Erfahrungen auszutauschen und enger zusammenzuarbeiten. Ich war sehr gespannt auf die Aktivitäten des CIRMMT, das ja einen viel stärkeren Schwepunkt auf Musikwahrnehmung hat als wir. Ein weiterer Grund für die Einladung war natürlich, Wieslaw unsere Arbeit im Bereich der virtuellen Akustik zeigen zu wollen wie auch die Möglichkeiten, die sich uns durch die CAVE-Technologie bieten.

Wie sehen Ihre Pläne für die weitere Zusammenarbeit aus, Herr Vorländer?

Da gibt es zwei mögliche Schwerpunkte: zum einen könnte man das neue „Open Orchesta“-System, das es Musikern ermöglicht, mit einem virtuellen Orchester zu proben, noch attraktiver und realistischer machen. Zum anderen könnten wir so genannten RAVEN-Umgebungen kreieren – RAVEN steht für Room Acoustics for Virtual Environments. Hier hat Wieslaw mit seinen Virtual Hadyn- und Hagia Sophia-Projekten bereits bedeutendes geleistet.

Wir könnten zum Beispiel gemeinsam die Mikrofon- und Lautsprecheranordnungen für die Aufnahme und die Wiedergabe optimieren. Ebenso könnten wir wissenschaftlich analysieren, wie man die Lautsprecher-Parameter individuell für die verschiedenen Orchestergruppen optimiert, anstelle den gleichen Aufbau und die gleichen Einstellungen für z.B. Solo, Ensemble, und die verschiedenen Instrumente zu nutzen.

Mit unserer RAVEN-Software können wir experimentell einiges ausprobieren, bevor wir mit den Planungen für eine Aufnahme in einem historischen Raum beginnen. RAVEN ist das raumakustische Simulationssystem, mit dem wir am ITA arbeiten, und mit dem wir sehr flexibel und präzise sämtliche Messparameter manipulieren können. Es ergänzt sich auf ideale Weise mit dem Open Orchestra-System der McGill University. Diese Projekte ließen sich zum Beispiel im Rahmen einer Masterarbeit an der RWTH Aachen bearbeiten oder im Rahmen von Praktika von RWTH-Studierenden am CIRMMT.

Das Hauptziel unserer Zusammenarbeit ist es, die Kriterien zu bestimmen, die für die klangliche Qualitäten eines Raums verantwortlich sind. Mithilfe dieser Kriterien wären Architekten in der Lage, Räume gezielter zu gestalten; es ließe sich Diskussionen vermeiden, wie wir sie zurzeit im Zusammenhang mit der Elbphilharmonie erleben – im Vergleich zu den schuhkartonförmigen klassischen Konzerthallen hat das Gebäude ja eine sehr hohe Decke. Und da gibt es immer zwei Seiten zu beachten: die Bedürfnisse der Musikerinnen und Musiker sowie die des Publikums sind gleichermaßen zu berücksichtigen.

Eine letzte Frage an Herrn Woszczyk. Welcher ist – akustisch betrachtet – Ihr Lieblingsraum?

Die Hagia Sophia in Istanbul – die im sechsten Jahrhundert erbaute Kathedrale ist ungeheuer groß und hat eine tolle Akustik. Wir hatten das Glück, ihren akustischen Raum vermessen zu dürfen, und das Ergebnis haben wir hier im Rahmen des ITA-Kolloquiums präsentiert.

In Aachen haben wir bisher keine Raummessungen vorgenommen, aber den Dom finden wir auch reizvoll …

Herzlichen Dank, Herr Woszczyk. Sie haben uns wirklich neugierig gemacht auf das Open Orchestra-System und auch auf die CAVE hier an der RWTH! Bitte lassen Sie uns wissen, wann Sie das nächste Mal nach Aachen kommen!