Sabina Jeschke

  Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Sabina Jeschke Urheberrecht: Peter Winandy

Interview mit Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Sabina Jeschke über ihren Aufenthalt an der Hong Kong University of Science and Technology im Rahmen des Theodore von Kármán Fellowship Programms 2014

Sabina Jeschke, RWTH-Professorin im Maschinenbau und Direktorin des Institutsclusters IMA/ZLW & IfU, besuchte 2014 die Hong Kong University für einen Forschungsaufenthalt über das Theodore von Kármán-Fellowship. Sie war damit die erste Outgoing-Wissenschaftlerin, die das Programm für interdisziplinäre und weltweite Forschungskooperationen der RWTH gefördert hat.

Welchen Anstoß Kurzaufenthalte an der RWTH und im Ausland für weltweite Forschungsvernetzung geben können, erklärt Sabina Jeschke im Forscher-Alumni-Interview.

 

Welche Gründe bewegten Sie zu einem Austausch mit der Hong Kong University über das Theodore von Kármán-Fellowship?

Ein zentraler Punkt meiner Forschung ist die Entwicklung autonomer oder teilautonomer intelligenter Systeme, die auf Konzepten und Methoden des Internet of Things und Cyber Physical Systems aufbauen. Dabei suchen wir Lösungen nicht durch die Betrachtung einzelner individueller Systeme, sondern durch die Betrachtung eines verteilten Systems, dessen intelligente Komponenten alle zu einer verteilten künstlichen Intelligenz beitragen.

Prof. Mitch Tseng von der Hong Kong University of Science and Technology besitzt eine sehr umfangreiche Expertise solcher Systeme, mit dem Schwerpunkt auf Produktionstechnik, – von dieser wollte ich gerne profitieren. Mich interessiert dabei vor allem auch die Erweiterung der Systemgrenzen: Flexibilität, Adaptivität und Kognition technischer Systeme sind wichtige Aspekte der Produktion, aber auch der Logistik oder der Mobilität, und deren Schnittstellen.

Außerdem wollte ich den Kontakt mit Mitch Tseng und seinen Doktoranden an der HKUST – ich hatte sein Labor im Dezember 2012 schon einmal für zwei Tage besucht – intensivieren, um eine belastbare Grundlage für zukünftige Kooperationen zwischen der RWTH und der HKUST zu legen. Immerhin ist die HKUST seit mehreren Jahren auf den vorderen Plätzen im Ranking der wichtigsten Ingenieuruniversitäten der Welt zu finden und führte 2013 das berühmte Asia-Ranking an.

 

Aktuell

Das Team Carologistics hat beim internationalen Roboterwettbewerb RoboCup im chinesischen Hefei seinen zweiten Weltmeistertitel in der Logistics League geholt.

 

Inwieweit konnte die Förderung und Auszeichnung als Theodore von Kármán-Fellow für Sie und Ihre Arbeit hilfreich und bedeutsam sein?

Durch den Austausch mit Mitch Tseng und seinen Doktoranden konnte ich mich intensiv mit der Entwicklung neuer Modelle für verteilte intelligente Systeme beschäftigten. Meine Forschung fokussiert auf Systeme mit dezentraler Regelungslogik, also bottom-up getriebene Systeme, bei denen die intensive Kommunikation zwischen den Untersystemen eine große Rolle spielt. Die erarbeiteten Konzepte konnten bald nach meinem Aufenthalt in Hongkong sehr erfolgreich bei uns im Bereich der mobilen Robotik angewendet werden: Unser Team „Carologistics“ – gemeinsam mit meinem Kollegen Lakemeyer – wurde mit seinem Team autonomer Transportroboter, den Robotinos der Firma Festo, Weltmeister in der Logistics League des RoboCup 2014. Wir haben die Ergebnisse verwendet, um die Algorithmik für den in Kürze bevorstehenden diesjährigen Wettkampf weiterzuentwickeln.

Was beinhalten Ihre Kooperationsbemühungen im Detail?

Die erfolgreiche Zusammenarbeit im Bereich der mobilen Robotik soll weiter ausgebaut werden. Wir planen den Aufbau eines transkontinentalen Teams, zwischen HKUST und RWTH also, um damit in der Standard Platform League des RoboCups – also dort, wo humanoide Roboter Fußball spielen, – mit den NAO Robotern der Fima Aldebaran anzutreten. Die Forschung dazu wird Potential für umfangreiche Kooperationen bieten, von gemeinsamen Masterarbeiten und PhD-Betreuungen bis hin zu Forschungsprojekten anderer Themenbereiche.

Zum zweiten bin ich mit unserem RWTH-Prorektor für Wirtschaft und Industrie, Professor Malte Brettel, im Gespräch, einen internationalen Masterstudiengang zusammen mit HKUST und einer führenden US-Universität zum Thema "Entrepreneurship" einzurichten, der sich an dem bereits bestehenden HKUST-Studiengang "Technology Leadership and Entrepreneurship", designed von Mitch Tseng, orientiert.

 

Erinnern Sie sich an ein besonderes Erlebnis, das Sie während des Auslandsaufenthaltes beeindruckt hat?

Der Campus der HKUST liegt etwa 30 Minuten Fahrzeit von Hongkong im Osten an einer Bucht am Meer und ist dort mitten in die Natur hineingebaut, so dass man eigentlich jederzeit Ausblicke in die wunderschöne Landschaft genießen kann. Die Nähe zu der im Vergleich zu Deutschland etwas anderen Flora und Fauna bescherte mir dann auch ein wirklich besonderes Erlebnis, als mich eines Tages vor dem Hörsaal eine riesige grasgrüne Gottesanbeterin erwartete – in einer Haltung, als wolle sie auch zur Vorlesung!

Beeindruckt haben mich auch die Ruhe und Besonnenheit, aber auch das Engagement, die Leidenschaft und die Gewaltlosigkeit, mit der die Studierenden den zu der Zeit stattfindenden Streik durchführten. Sehr sympathisch fand ich auch die Begeisterung der Bewohner von Hongkong für Halloween, ein Fest das ich seit meinen Aufenthalten in den USA sehr mag: witzige und teilweise gigantische Kürbis-Deko in den Geschäften, soweit das Auge reicht!

Inwieweit bewerten Sie den Austausch mit der Hong Kong University über das Kármán-Fellow-Programm nützlich und nachhaltig für Ihre Arbeit, für Ihr Institut und die RWTH, für Forschung und Lehre im Allgemeinen?

Neben dem intensiven wissenschaftlichen Austausch mit Mitch Tseng und seinen Studierenden, der mir wertvollen Input für meine Forschungsarbeit gegeben hat, war die ganze Atmosphäre der HKUST sehr inspirierend. Da es sich um eine Campusuniversität handelt, komplett mit Studentenwohnheimen, Restaurants, Sport- und Einkaufsmöglichkeiten, in der die meisten Studierenden und auch die meisten Professoren das meiste angestellte Personal leben, ist eigentlich zur jeder Zeit etwas los. Und durch den Fokus der Universität auf die Entwicklung Hongkongs bei gleichzeitig starker internationaler Ausrichtung kommt eine wunderbare kulturelle Diversität zustande, von der Studierende und Lehrende profitieren.

 

Gibt es auch umgekehrt ein Interesse der Hong Kong University – von Professoren, Studierenden und Doktoranden – an einem Austausch an die RWTH? Wie wird die RWTH gesehen? Wie wird generell die deutsche Hochschullandschaft wahrgenommen?

Ich habe während meines Aufenthaltes die wichtigen Personen der strategischen Ebene, Präsident, Vizepräsident, Provost und weitere persönlich kennengelernt und mich in Privataudienzen mit ihnen ausgetauscht. Und ja, es besteht großes Interesse an einem Austausch mit der RWTH. Auf der Ebene der Kollegen ebenso; sie kennen die RWTH für die starke Leistung.

Für die Studierenden ist Aachen dagegen eher unbekannt, da sie sich sehr stark in Richtung englischsprachiger Universitäten orientieren – nicht notwendigerweise im angelsächsischen oder amerikanischen Raum, genauso interessant sind Universitäten in Schweden. Aber dass in Englisch gelehrt wird, ist conditio sine qua non.

Die Studenten sind sehr offen, auch gegenüber neuen Sprachen, und sie sind absolut bereit, diese auch zu lernen. Aber sie erwarten, dass die Sprachbarriere zum Start so gering wie möglich ist, dass sie sofort Kurse erfolgreich belegen können, wenn sie ins Ausland gehen. Und das können sie in der Regel außer in ihrer Muttersprache (entweder Kantonese oder Mandarin) nur in Englisch.

Was wünschen Sie sich mit Blick auf Ihre Forschung und die internationale Vernetzung (von Hochschulen) für die Zukunft?

Ich persönlich wünsche mir eine klare Internationalisierungsstrategie in Form eines durchgängigen englischen Lehrangebotes. Das bedeutet nicht, dass alle Kurse in englischer Sprache angeboten werden müssen, dann wäre die Motivation zum Deutschlernen vielleicht zu gering. Und wenig oder keine Deutschkenntnisse sind spätestens dann nachteilig, wenn sich ein ausländischer Student entschließt zu bleiben. Und gerade wegen des demografischen Wandels haben wir doch alle Gründe zu wollen, dass die starken internationalen Studierenden nach ihrem Abschluss in Deutschland bleiben. Deutsch als Einstiegsbarriere muss also fallen. Sowohl Bachelor als auch Master müssen ohne Deutschkenntnisse studierbar sein.

Ein Ansatz könnte sein, dass nicht alle Vertiefungsrichtungen in Englisch gewählt werden können. Mindestens eine oder zwei müssen jedoch englischsprachig verfügbar sein, damit der Studiengang im Grundsatz „offen“ ist. Parallel zum Studium können dann in den ersten zwei Jahren Deutschkenntnisse erworben werden. So in etwa würde ich mir das wünschen. Die Hürde muss auf jeden Fall weg, ansonsten würden gerade die begabtesten Studierende andere Orte als Deutschland und die RWTH bevorzugen, was ich persönlich außerordentlich bedauern würde. Ich muss an meine NASA-Zeiten zurückdenken: Es macht einfach einen Riesenspaß, in einem hochgradig internationalen Umfeld zu arbeiten und von den kulturellen Differenzen zu profitieren.

Gibt es etwas, was Sie hinzufügen möchten?

Mein sehr herzlicher Dank geht an die RWTH, an die Organisatoren und Designer des Theodore-von-Kármán-Fellowship Programms, weil sie mir diese in vieler Weise lehrreichen Erfahrungen ermöglicht haben. Die gute Organisation des Programms hat den Bewerbungs-, Bewilligungs- und Abrechnungsprozess rund um das Stipendium sehr unkompliziert gemacht – ich kann es wirklich jedem empfehlen. Danke.