Linda Hildebrand im Gespräch

 

Über Linda Hildebrand

Professorin Linda Hildebrand studierte Architektur an der Fachhochschule Holzminden/Göttingen sowie an der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur. Von 2009 bis 2014 promovierte sie (PhD) an der TU Delft.

Als Outgoing des Kármán Fellow-Programm forschte Hildebrand im Frühjahr 2017 fünf Wochen am Institute of the Environment and Sustainability, University of California, Los Angeles, zu Ökobilanzmethodik und Datenstrukturen.

Im Interview berichtet sie nicht nur über ihre Forschungstätigkeit und Zusammenarbeit am IoES, sondern auch über ganz neue Erfahrungen wie etwa die Auswirkungen aktueller politischer Entwicklungen auf die wissenschaftliche Arbeit.

Würden Sie kurz Ihr aktuelles Forschungsfeld innerhalb der Architektur vorstellen und uns erklären, in welchem Kontext Ihre Forschung von Bedeutung ist?

Die RWTH-Juniorprofessur „Rezykliergerechtes Bauen“ beschäftigt sich mit den Auswirkungen der sogenannten gebauten Umwelt, zum Beispiel Gebäude, auf die natürliche Umwelt. Das wird besonders vor dem Hintergrund des Klimawandels immer wichtiger. Über die etablierte Methode der Ökobilanzierung lassen sich inzwischen unterschiedliche Einflüsse auf unsere Umwelt messbar machen. Dies ist Voraussetzung, damit wir Planungsentscheidungen leichter bewerten und komfortable und zugleich umweltverträgliche Bauten entwerfen können.

Wie kam es zu Ihrem Aufenthalt an der University of California in Los Angeles, UCLA?

In der jüngeren Vergangenheit hat die Baubranche mit Blick auf mehr Nachhaltigkeit beim Bauen verschiedene Zertifizierungssysteme entwickelt. Während das amerikanische Gebäudezertifikat international wesentlich zur Sensibilisierung des Bausektors für Umweltfragen beigetrug, ist der Umgang mit Ökobilanzdaten in den USA und Deutschland unterschiedlich. In Westeuropa wird seit den 80er Jahren ein Datenstamm gepflegt, der in dieser Form in den USA nicht zu finden ist, dennoch erscheinen Studien mit Ökobilanzdaten aus dem Bauwesen. Diese Ausgangssituation hat mich neugierig auf die in den USA verwendeten Methoden gemacht und letztendlich mit zu dem Austausch geführt.

Was haben Sie während des Forschungsaufenthaltes genau gemacht? Worin sehen Sie die wichtigsten Resultate Ihres Forschungsaufenthalts?

An der UCLA im Institute of the Environment and Sustainability, IoES, konnte ich vor allem mit Professor Deepak Rajagopal zusammenarbeiten, der sich in Forschung und Lehre leidenschaftlich mit Ökobilanzierung beschäftigt. Da wir an der RWTH ähnliche Fächer unterrichten, war der Einblick besonders interessant. Die Unterschiedlichkeit in den Universitätsstrukturen bildet sich hier ab: An der UCLA werden im Bachelor methodische Grundlagen für verschiedene Studiengänge vermittelt, so auch für den Bereich der Ökobilanzierung. Die Studierenden sind anschließend in der Lage, Ökobilanzen eigenständig entwickeln. An der Architekturfakultät der RWTH werden die Methoden zwar auch mit vermittelt, Ziele sind aber die planerische und strategische Anwendung einer solchen Bilanz. Die Datenfrage ist am IoES Teil der Didaktik – während wir in Deutschland auf Datenbanken zurückgreifen können, werden in den USA Einzeldaten recherchiert und zusammengefügt.

Wird es eine weitere Zusammenarbeit geben und wenn ja, wie sehen Ihre Pläne dafür aus?

Der Austausch von amerikanischer und europäischer Perspektive war für beide Seiten befruchtend. Aktuell wird ein gemeinsames Publikationsprojekt angestrebt.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit beziehungsweise den Austausch mit den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen beziehungsweise den Studierenden wahrgenommen?

Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen war sehr offen. Während ich sonst mit Architektinnen und Architekten sowie Ingenieurinnen und Ingenieuren arbeite, für die in der Regel das Thema Umwelt neben anderen Aspekten steht, war es anregend, während meines Aufenthaltes in einer Umwelteinrichtung tätig zu sein. Hier hatten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die gleiche Zielsetzung und verfolgten diese in unterschiedlichen Bereichen. Der Austausch war daher sehr konkret und pragmatisch.

Der Kontakt mit den Studierenden war ebenfalls offen. Sowohl in der Lehre als auch in Sonderveranstaltungen – wie der Career Fair, auf der ich die RWTH vorstellte – fand Austausch über inhaltliche Themen sowie zu Universitätsstrukturen in den USA und Deutschland statt.

Gibt es Ihrer Meinung nach etwas, das Hochschulen in Deutschland und den USA voneinander lernen könnten?

Die Einblicke in den Wochen des Aufenthalts haben mir den Eindruck vermittelt, dass studentische Projekte in den USA unbürokratischer möglich sind als bei uns. Offenheit auch gegenüber Vorhaben mit ungewissem Ausgang ermöglichte eine Bandbreite von Projekten, die für viel Begeisterung auf Seiten der Beteiligten sorgte. Das ist sicher ein guter Impuls für die Arbeit an der RWTH.

  Personen bei einer Demonstration Urheberrecht: privat

Können Sie für diesen Aufenthalt ein Highlight, ein Erlebnis oder einen Moment nennen, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Während meines Aufenthalts wurde die Homepage der Umweltbehörde Environmental Protection Agency, EPA, eingefroren. Die politische Situation in den USA hat direkte Auswirkungen auf die Arbeit an der UCLA – sie verursacht Unsicherheit zum Beispiel hinsichtlich der Fördergeldstrukturen, führt glücklicherweise aber auch zur Bündelung von Interessen und Aktivitäten, besonders in Kalifornien. Ein Highlight und Ausdruck der gemeinsamen Verständigung war der Science March, an dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UCLA mit vielen anderen gegen die Leugnung wissenschaftlicher Zusammenhänge demonstrierten.

Sehr geehrte Professorin Hildebrand, herzlichen Dank für das Interview.